Lavinia Lanner

09.09.2026 -13.09.2026

PARALLEL VIENNA 2026
Otto-Wagner-Areal, Pavilion 23, EG,
Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien

Öffnungszeiten:

  • Mittwoch, 09. September: 13:00 – 22:00 Uhr
  • Donnerstag, 10. September: 13:00 – 20:00 Uhr
  • Freitag, 11. September: 13:00 – 20:00 Uhr
  • Samstag, 12. September: 11:00 – 20:00 Uhr
  • Sonntag, 13. September: 11:00 – 20:00 Uhr

Lavinia Lanner (*1985) hat die Zeichnung zum Zentrum ihrer künstlerischen Praxis gemacht. Mit 3B-Bleistift auf Papier entwickelt sie aus unzähligen feinen Linien amorphe Formen, die sich zwischen Abstraktion und Wiedererkennbarkeit bewegen. Organische, körperliche oder landschaftliche Assoziationen können aufscheinen, ohne sich eindeutig festzuschreiben. Gerade diese Offenheit und Ambivalenz sind für Lanners Werk charakteristisch.

Dabei lotet sie die Möglichkeiten der Zeichnung kontinuierlich neu aus. Maßstab, Materialität und Körperlichkeit spielen eine zunehmend wichtige Rolle: Großformatige Arbeiten entstehen unter physischem Einsatz und führen die Zeichnung schließlich über das klassische Blattformat hinaus in den Raum.

Im Gespräch erzählt Lavinia Lanner, warum sie sich konsequent auf den 3B-Bleistift konzentriert, wie aus der Schichtung einzelner Linien ihre charakteristischen Formen entstehen und weshalb sie die Zeichnung heute immer stärker auch als körperliche und räumliche Erfahrung versteht.

1. Wie bist du zur Zeichnung gekommen – und was interessiert dich bis heute an diesem Medium?

Aus Widerstand – das geht zurück auf meine Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Wien: dort war ich anfangs in der Klasse für figurative Malerei und auf der Suche nach „etwas Eigenem“ und Unkonventionellem, habe ich mich anstatt in die Malerei – immer mehr in die Zeichnung vertieft und fand großen Gefallen daran, die althergebrachte Hierarchie zwischen Malerei und Zeichnung umzukehren. Bei mir waren mit Pinsel gemalte Skizzen die Grundlage für das große Meister*innenwerk in Bleistift auf Papier und eben nicht umgekehrt. Das klingt aus heutiger Sicht logisch und fast banal, war aber tatsächlich anfangs nicht gern gesehen – für mich allerdings eine große Befreiung! Ich habe lange Zeit expressive Pinselstriche minutiös mit Bleistift auf Papier nachkonstruiert und so auch den Zeitfaktor umgekehrt. Was in wenigen Augenblicken entstanden zu sein schien, habe ich in einem Vielfachen der Zeit in schwarz/weiß entstehen lassen.

2.  Du arbeitest ausschließlich mit einem 3B-Bleistift. Welche Eigenschaften des Graphits – etwa Weichheit, Abrieb oder Tonwert – sind für deine Arbeit entscheidend?

Der 3B-Bleistift – also diese spezielle Bleistiftstärke im Mittelfeld – erfüllt für mich vor allem zwei Voraussetzungen: Er besitzt eine ideale Härte, denn wäre er noch härter, würde er das Papier mit jedem Strich einritzen, das will ich nicht. Zum anderen glänzt er, wenn flächig aufgetragen oder wenn viele Linien übereinander gelagert sind, immer noch metallisch durch das Grafit. Weichere Bleistifte würden hier eine schwarze, matte Oberfläche machen. Diese beiden Eigenschaften machen ihn für mich zum auserwählten Stift.

Ganz abgesehen davon finde ich den Gedanken reizvoll, mich auf exakt ein Mittel zu konzentrieren und dem dafür immer weiter auf den Grund zu gehen. Fast wie beim Extremsport – da kann man schließlich auch nicht bei jedem Slalom einen anderen Ski verwenden. Das Material im Detail zu kennen ist ein Vorteil.

Der Bleistift ist zugleich eines der einfachsten und unmittelbarsten künstlerischen Werkzeuge. Auch dieser Gedanke gefällt mir. Damit allem zum Trotz aber ganze Räume in installativen Settings zu füllen, finde ich extrem reizvoll.

3.  Deine Zeichnungen bewegen sich zwischen Abstraktion und Anklängen an organische Formen. Häufig wirkt etwas vertraut, ohne sich eindeutig benennen zu lassen. Welche Rolle spielt für dich dieses Spannungsverhältnis zwischen Vertrautheit und Unbestimmtheit?

Ich mag das Spiel auf diesem schmalen Grat. Für mich sind meine Formen in ihrer Offenheit und Ambivalenz die einzige Möglichkeit, etwas zu schaffen, das einen zweiten Blick wert ist. Etwas, das mich an einem anderen Tag wieder ganz anders erwischen, berühren oder verwundern kann. Die Eindeutigkeit fände ich nur einen kurzen Blick wert.

4.  Wie beginnst du eine neue Arbeit? Gibt es zu Beginn bereits eine Vorstellung von ihrer möglichen Form, oder entwickelt sie sich erst im Prozess des Zeichnens?

Eine grobe Idee gibt es fast in allen Fällen. Vieles an der Textur entsteht aber erst direkt am Blatt mit dem Auftragen der einzelnen Linien. Das geschieht in Schichten und so dunkelt die Zeichnung langsam nach, bis der gewünschte Kontrast erreicht ist. Dann heißt es, im richtigen Moment aufzuhören zu zeichnen, um die Plastizität nicht wieder zu verlieren. Das sind heikle Momente im Entstehungsprozess, denn das ist nur ein kurzer Augenblick – wenn man den verpasst, muss man neu beginnen, da gibt es kein Zurück! Diese Kompromisslosigkeit meines Mediums bringt mich an meine Grenzen und gerade deshalb mag ich es aber auch so.

5.  Für die PARALLEL entwickelst du eine großformatige, raumgreifende Installation. Was bedeutet es für dich, deine zeichnerische Bildsprache vom Papier in den Raum zu übertragen?

Meine Praxis bringt mich in letzter Zeit immer mehr in den Raum. Ich begreife die Zeichnung als etwas Körperliches, das man sich als Betrachter*innen im Raum erst erschließen muss. Sie ist längst nicht mehr nur an der Wand. Durch die Präsenz des Papiers im Raum werden auch die Körper und Bewegungen der Besucher*innen zu Teilen der Installation. Man bekommt einen ganz anderen Bezug zum Material Papier, wenn man es körperlich und nah vor sich hat. Die Fragilität ist plötzlich eine Angelegenheit, auf die gemeinsam geachtet wird.

Für die Präsentation auf der PARALLEL habe ich eine Viszerale Topografie geschaffen, wie ich sie nenne. Ein Gebilde, das an Körperinnenleben erinnert, aber auch an eine abstrakte Form von kartografischen Landschaftsdarstellungen. Ein vermeintlich unerschlossenes Gebiet, das es zu erkunden gilt.

6.  Verändert der Maßstab auch deine Arbeitsweise? Gehst du bei einer raumgreifenden Installation anders vor als bei einer Zeichnung auf Papier?

Ja, definitiv! Bei den großen raumgreifenden Arbeiten gehe ich mehr von einer Bewegung  als einer Form aus. Von einer Bewegung, die mein Körper machen würde, wenn er sie nachbilden würde. Tatsächlich ist das Bearbeiten großer Papiere eine ganz andere körperliche Erfahrung als die kleinen. Oft stehe ich beim Zeichnen auf Leitern, Gerüsten oder in verrenkten Posen direkt am Papier. Die Verausgabung ist eine ganz andere und ich mag sie sehr gerne. Sie lässt mich ganz anders empfinden und auch das Gezeichnete ist mir ein ebenbürtiges Gegenüber – in vielen Fällen wächst es mir wörtlich über den Kopf und ich finde mich in der Rolle der bändigenden Person wieder.

7.  Was ist für dich das Besondere am Ausstellungsformat der PARALLEL? Eröffnet dir der Ort oder die spezifische Situation Möglichkeiten, die ein klassischer Ausstellungsraum nicht in gleicher Weise bietet?

Das Ausstellungsformat ist für mich besonders reizvoll, weil es mir die Möglichkeit eröffnet, meine Arbeit in einem doch unkonventionellen Setting weiterzudenken. Das beginnt dabei, wie der Raum an sich auf die Konzeption des Ganzen von Anfang eingewirkt hat. Es ist eben kein klassischer White Cube, man arbeitet dem Raum zu und nicht umgekehrt. Er hat einen ganz eigenen Charakter und diese Widerspenstigkeit macht ihn für mich interessant. Bei der Begehung habe ich das in der ersten Sekunde gespürt, dass da etwas ist, das ich so noch nicht ausprobiert habe. Und genau das ist es, was mich als Künstlerin in Bewegung hält – die Neugier auf Unbekanntes.

8.  Gab es eine Reaktion oder Interpretation deiner Arbeiten, die dich überrascht oder deinen eigenen Blick auf das Werk verändert hat?

Jedes Gespräch, das ich mit Menschen über meine Arbeiten führe, eröffnet für mich neue Perspektiven darauf. Meine Praxis im Gespräch um diese Dimension zu erweitern, macht für mich mindestens die Hälfte ihrer Relevanz aus. Ich zeichne nicht nur für mich vor mich hin. Erst der Dialog macht sie zu einem Ganzen – und das wiederum kann täglich ein anderes sein.

9.  Wenn Besucher:innen deiner Installation auf der PARALLEL begegnen: Ist dir wichtig, auf welche Weise sie die Arbeit wahrnehmen oder lesen – oder möchtest du diese Erfahrung möglichst offenlassen?

Das möchte ich ganz offenlassen. Gerade die PARALLEL Kunstmesse ist in ihrer Fülle eine optisch überwältigende Angelegenheit. In meiner Präsentation ist mir wichtig, auch an die vielen Menschen zu denken, die von Raum zu Raum gehen – und ihnen einen Moment Ruhe zu bescheren. Der Raum hat eine ganze Längsseite Fenster hinaus in die Natur. Auch die große Zeichnung liegt wie ein Stück Landschaft mitten im Raum und bietet eine weiche Form aus Linien. In ihrer Ruhe ist sie aber dennoch anspruchsvoll, denn durch ihre Platzierung auf unterschiedlichen Höhen, muss man sie sich erst erschließen und kann von den Bündeln schon einmal in die Tiefe gezogen werden und sich in einer neuen Realität wiederfinden. Dort geht es um das Abgehen der Formen, Kontraste und Linien und darum, wie Zeit in Strichform in das Papier eingeschrieben ist. Das Vergehen derselben folgt hier ganz eigenen Gesetzen.